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Pestizidanalytik in Lebensmitteln: Interview mit einem Laborexperten

In der europäischen Lebensmittelindustrie bleibt die Pestizidanalytik ein zentraler Bestandteil der Lebensmittelsicherheit und der Einhaltung der gesetzlichen Rückstandshöchstgehalte (MRL – Maximum Residue Levels). Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus zunehmend von reiner Detektion hin zu Interpretation, Methodik und risikobasierter Überwachung. Wir haben mit einem Laborexperten darüber gesprochen, wie moderne Pestizidanalysen heute in der Praxis durchgeführt und bewertet werden.

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Athanasios Nitsopoulos – Geschäftsführer Labor Friedle GmbH

Wie hat sich die Pestizidanalytik in den letzten Jahren im Labor verändert?

Der größte Wandel liegt in der Entwicklung von Einzelsubstanzanalysen hin zu umfassenden Multi-Residue-Screenings. Während früher einzelne Pestizide gezielt untersucht wurden, analysieren wir heute routinemäßig mehrere hundert Wirkstoffe in einer einzigen Messung. Dies erfolgt hauptsächlich mittels LC-MS/MS und GC-MS/MS, wodurch selbst sehr geringe Konzentrationen zuverlässig nachgewiesen werden können.

Diese Entwicklung hat die Lebensmittelsicherheit deutlich verbessert, bringt jedoch auch eine höhere Komplexität mit sich. Jede Methode muss umfassend validiert werden, und es müssen Matrixeffekte, Interferenzen sowie Messunsicherheiten für jede Matrixgruppe berücksichtigt werden.

Welche Rolle spielt die Lebensmittelmatrix für die Zuverlässigkeit der Analysen?

Die Matrix ist ein entscheidender Faktor. Ein Pestizid verhält sich in einer fettreichen Avocado anders als in einer trockenen Gewürzprobe oder einem wasserreichen Gemüse. Diese Unterschiede beeinflussen das Signal im Massenspektrometer, sogenannte Matrixeffekte.

Aus diesem Grund arbeiten Labore mit matrixangepasster Kalibrierung, als auch mit Wiederfindungskorrekturen mittels isotopenmarkierten internen Standards (ILIS). Diese ermöglichen es, Verluste oder Signalverstärkungen während der Analyse zu korrigieren. Ohne diese Korrekturen könnten Ergebnisse verfälscht werden, was ein erhebliches Risiko für die korrekte Beurteilung der Konformität darstellt.

Wo entstehen in der Praxis die häufigsten Missverständnisse bei der Ergebnisinterpretation?

Ein häufiger Fehler besteht darin, Ergebnisse isoliert zu betrachten, ohne den analytischen Kontext zu berücksichtigen. Ein Messwert muss immer im Verhältnis zum MRL bewertet werden, aber auch unter Einbezug von Parametern wie der Messunsicherheit und das LOQ (Limit of Quantification).

Ein Wert knapp über oder unter dem Grenzwert kann analytisch innerhalb der Unsicherheitsbandbreite liegen. Eine rein binäre „konform/nicht konform“-Betrachtung greift daher oft zu kurz. Genau deshalb ist die enge Zusammenarbeit zwischen QA und Labor entscheidend, um Ergebnisse korrekt einzuordnen.

Zunehmend gewinnt zudem die Trendanalyse an Bedeutung. Eine einzelne Überschreitung ist anders zu bewerten als ein wiederkehrendes Muster innerhalb einer Lieferkette.

Wie entwickelt sich die Pestizidanalytik hin zu einer risikobasierten Überwachung?

Es ist eine klare Verschiebung von standardisierten Testprogrammen hin zu risikobasierten Strategien erkennbar. Nicht jedes Produkt und nicht jeder Lieferant erfordert die gleiche Prüffrequenz. Die Risikobewertung basiert zunehmend auf Herkunft, Kulturart, bisherigen Ergebnissen und der Stabilität der Lieferkette.

Dadurch wird die Überwachung effizienter und zielgerichteter. Anstatt ausschließlich reaktiv zu testen, werden verstärkt präventive Screening-Ansätze und Lieferantenbewertungen eingesetzt. Analytische Daten dienen damit nicht mehr nur der Kontrolle, sondern zunehmend auch der Prävention.

Welche Bedeutung hat die Probenahme für die Aussagekraft der Pestizidanalytik?

Die Probenahme ist einer der kritischsten und zugleich am häufigsten unterschätzten Schritte in der Pestizidanalytik. Selbst die modernste Analytik kann nur so gut sein wie die Probe, die im Labor ankommt. Pestizidrückstände sind in Lebensmitteln häufig inhomogen verteilt – abhängig von Oberfläche, Schale, Reifegrad oder Verarbeitungszustand. Eine nicht repräsentative Probe kann daher entweder zu einer Unterschätzung realer Rückstände oder zu scheinbaren Überschreitungen führen.

Entscheidend ist, dass die Probenahme standardisiert, nachvollziehbar und entlang anerkannter Leitlinien erfolgt. Dazu gehören nicht nur die richtige Probenmenge und Anzahl der Teilproben, sondern auch Aspekte wie Transportbedingungen, Homogenisierung und Lagerung. Fehler in diesem frühen Stadium lassen sich im weiteren analytischen Prozess nicht mehr korrigieren.

Aus Laborperspektive ist die enge Abstimmung mit QA und Einkauf besonders wichtig. Nur wenn bekannt ist, wo, wann und wie eine Probe gezogen wurde, lassen sich Analysenergebnisse fachlich korrekt interpretieren. Die Probenahme bildet damit das Fundament jeder belastbaren Bewertung und ist ein wesentlicher Bestandteil einer risikobasierten und rechtssicheren Überwachung der Lieferkette.

Welche technologischen Entwicklungen haben den größten Einfluss auf Ihre Arbeit?

Ein wichtiger Treiber ist die High‑Resolution Mass Spectrometry (HRMS), vor allem im Kontext der Non‑Target‑ und Suspect‑Analytik. Während klassische Routineanalysen primär auf bekannte Wirkstoffe ausgerichtet sind, ermöglicht HRMS die detektionsunabhängige Erfassung unbekannter oder unerwarteter Substanzen.

Durch die hohe Massenauflösung und exakte Massengenauigkeit lassen sich Summenformeln eingrenzen, Isotopenmuster bewerten und Fragmentierungsinformationen für die strukturchemische Einordnung nutzen. In der Praxis ist dies besonders relevant bei bislang nicht gelisteten Abbauprodukten, neuen Wirkstoffen oder Verunreinigungen.

HRMS erlaubt es zudem, analytische Daten retrospektiv erneut auszuwerten, wenn neue Substanzen oder Fragestellungen bekannt werden. Damit wird das Instrument nicht nur für die klassische Überwachung, sondern vor allem für die Aufklärung unerklärter Befunde und die Ursachenanalyse innerhalb der Lieferkette eingesetzt. Insgesamt erweitert HRMS die Pestizidanalytik von der reinen Zielsubstanzprüfung hin zu einem strukturaufklärenden, wissensgenerierenden Ansatz.s

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Labor und QA in diesem Prozess?

Diese Zusammenarbeit ist entscheidend. Das Labor liefert die analytischen Daten, aber die QA-Abteilung trifft auf dieser Basis die risikorelevanten Entscheidungen. Ohne korrekte Interpretation kann selbst die beste Analytik zu Fehlentscheidungen führen.

QA-Verantwortliche müssen daher verstehen, wie Ergebnisse entstehen, welche methodischen Grenzen bestehen und wie Messunsicherheiten in die Bewertung einfließen. Nur so lassen sich analytische Daten zuverlässig in fundierte Entscheidungen zur Lebensmittelsicherheit innerhalb der gesamten Lieferkette übersetzen.

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